Immer wieder stehen mir Bilder meines
eindrücklichen Fluges vom letzten Samstag (8.4.) vor Augen. Schreibend will ich ihnen
noch etwas nachhängen und Euch daran Anteil haben lassen. Ob Ihr ein bisschen mitfliegen
mögt?
Es ist 11.15; Chrigi, mein ebenfalls fliegender Bruder, und ich steigen in Fanas in die
Luftseilbahn und lassen uns zum Eggli hinaufführen. Wie wohl das Fliegen heute möglich
sein wird? Es ist schwacher bis mässiger Nordwind in der Bergen angesagt. Wie stark wird
er von hinten den Hang hinunter drücken?
Oben angekommen ist es noch praktisch windstill. Nachdem wir dreiviertel Stunden im
Bergrestaurant die Sonne genossen haben, sehen wir zwei Schirme aufdrehen, die eben vom
Startplatz Eggli gestartet sind. Der Wind ist nun etwas wechselhaft geworden. Der Nordwind
drückt zweitweise von hinten, aber dazwischen kommen wieder Ablösungen von vorne.
Wir machen uns ebenfalls auf den Weg zum Startplatz. Chrigi startet, 10 Minuten später -
es ist jetzt 13.20 - bin ich ebenfalls in der Luft. Die ersten Gleitschirme haben bereits
die Schläuche über dem Huoben ausgedreht und setzen zur Querung Richtung Stelserberg an.
Ich steige zunächst mit 1-2 m/s; dann aber mit 3-4 m. Der Gipfel des Sassauna liegt bald
unter mir.
Rundum sind bis an den Horizont lauter weisse Gipfel zu sehen. Eine prächtige Aussicht!
Auf 2900 m schliesse ich zu Chrigi über dem Huoben auf und wir gleiten hinüber zum
Stelserberg. Man müsse über dem Restaurant ankommen, damit man weiterkomme, hat es
geheissen. Nun ja, aber es bräuchte auch noch ein bisschen brauchbare Thermik. Wir
können lediglich
einigermassen die Höhe halten. Darum setze ich zum Weiterflug an und quere das Buchner
Tobel Richtung Pany; der Sinkalarm ertönt etwas gar lange. Erst über Putz treffe ich
wieder einige Thermikblasen an; aber so richtig hochgehen will es nicht.
Beim Blick zurück sehe ich Chrigi, wie
er am Aufdrehen ist. Er hat es länger am Stelserberg ausgehalten und hat sich etwas mehr
Richtung Stelsersee versetzen lassen. War es ein Fehler, so schnell wegzufliegen?
Ich kämpfe mich Meter um Meter hoch. Plötzlich beginnt es zuverlässiger zu steigen; in
kurzer Zeit werden es gegen 7 m/s. In wenigen Minuten habe ich 1300 Höhenmeter gewonnen
und kann nun mit viel Reserve den Grat zum Jägglisch-Horn und nach dem Ausdrehen eines
Bartes mit unterdessen über 3000 Metern Höhe Madrisa ansteuern.
Hier ist es ziemlich bockig und lädt nicht zum Verweilen ein. Chrigi ist auch schon dort;
einige Kreise drehen wir gemeinsam; dann fliegt er weiter Richtung Aelpelti-Spitz. Da wir
von Davos als Ziel gesprochen haben, wage ich mit meinen 3080 Metern die direkte Querung
über Klosters hin zum Gotschnagrat. Unendlich lange will der Sinkalarm mit über 4 m/s
nicht aufhören. Zudem bläst der Gletscherwind stark von oben und verlängert meine
Flugstrecke. Ein Gleitschirm, der eben am Nordstartplatz des Gotschnagrats gestartet ist,
lässt Hoffnung aufkommen: Er findet auf der Nordseite
Aufwind...
Ich komme einige hundert Meter unterhalb des Grates an. Doch der flach gegen Klosters
abfallende Wald strahlt noch Wärme ab; langsam steige ich und kann den Grat überfliegen,
um auf der Südostseite des Gotschnagrates etwas Zuverlässigeres zu suchen. Es geht
einige Zeit, bis ich darauf stosse. Aber dann trägt mich ein Schlauch wieder auf über
2900 m hoch.
Ob ich wohl auf der Ostseite bleiben oder zur Westseite wechseln soll? Der südgeneigte
Wald am Wolfgang sieht einladend aus. Beim Ueberfliegen enttäuscht er mich nicht; mit nur
geringem Sinken fliege ich zum Seehorn und gerade weiter zum Haupt. Dort muss ich nicht
lange suchen, um wieder auf Arbeitshöhe aufzusteigen und die letzte Etappe Richtung
Jakobshorn in Angriff zu nehmen.
Seit Gotschna habe ich keinen Gleitschirm mehr gesehen - abgesehen von jenen, die knapp
über dem Aelpeltispitz ihre Kreise ziehen. Auch rund um das Jakobshorn ist nichts
auszumachen - ausser einem Schirm, der gerade in Bolgen zur Landung ansetzt. Ich fliege
direkt auf die Clavadeler Alp zu; unterhalb des Jakobshorns liegen einige Schirme
ausgebreitet bereit zum Start. Ueber dem Clavadeler Berg ist die Durststrecke beendet und
ich kann wieder steigen. Nach einem kurzen Ausflug zum Jatzhorn, wo ich einige Schirme
antreffe, mache ich mich auf den Rückweg.
Weil ich noch so schön hoch bin, will ich versuchen, nach Klosters zu fliegen. Bis zum
Seehorn ist der Weg klar und ich geniesse den unbeschwerten Blick hinunter auf Davos. Nach
dem Hüreli kommt mir ein Segelflugzeug entgegen und wir grüssen einander. Schön, diese
Zusammengehörigkeit in der Luft! Nun erwartete ich wieder etwas Thermik. Während meiner
Zeit in der Flugschule vor 10 Jahren hier im Gebiet um Klosters trug es jeweils gegen
Abend über dem Bawald. Doch da ist nun nichts los. Bis Klosters reicht es allerdings
bestens, und mit ein bisschen überschüssiger Höhe fliege ich die Hänge unterhalb des
Aelpeltispitzes an und gleite der Bergflanke nach zum Grosswald.
Ausgerechnet jetzt beginnt das Vario völlig verwirrend zu piepsen - das Batteriezeichen
blinkt... Ich schalte es aus. Ungewohnt ruhig drehe ich einige Kreise - und es beginnt zu
steigen. Nur das Sirren des Windes in den Leinen ist zu hören. Gar nicht so einfach, ohne
Vario zu zentrieren - wusch, der ganze Schirm ist weg, ich bin aus dem ziemlich starken
Schlauch gefallen...
Ich weiss nicht, wie hoch es mich nun hinaufgetragen hat; genügend hoch jedenfalls, um
eine Landung in Saas ins Auge zu fassen. Noch die Madrisa überfliegen, und dann...
Beim Geisshorn geht es aber wieder aufwärts. Ich drehe nicht mehr aus, sondern fliege
geradewegs weiter und freue mich am Blick das Prättigau hinab. Küblis liegt nun in
Reichweite. Ueber dem Grat zum Jägglisch-Horn beginnt es wieder gut zu steigen. Ob wohl
gar Schiers drinliegen sollte?
Ich steuere den flachen Rücken oberhalb von Putz an und versuche ihn unter dem Alpbüel
zu überfliegen, immer bereit, abzudrehen und in Küblis zu landen. Stärkeres Sinken
liegt nicht mehr drin... Es reicht - und hinter der Kante geht es wieder hoch. Etwas
unstet zwar, aber es geht. Fanas wird zum ersten Mal sichtbar. Faszinierend wäre es, dort
den Flug zu beenden! Und praktisch ebenfalls, weil ich sowieso das Auto holen muss.
Beim Stelserberg geht es nach einigem Suchen wieder zuverlässig hoch - Fanas liegt drin!
Ich gleite los und geniesse die letzten Kilometer. Irgendwie unrealistisch kommt es mir
vor, ans Landen denken und mich nach dem weiten Denken in Kilometern wieder auf wenige
Meter konzentrieren zu müssen. Mit etwas ungelenken Füssen und klammen Fingern stehe ich
3 3/4 Stunden nach meinem Start vom Eggli und nach 74 Flugkilometern wieder am Boden.
Chrigi hat es sich, wie ich nachher erfahren habe, in Klosters in einem Gartenrestaurant
gemütlich gemacht; der Aelpeltispitz hat nicht recht mitspielen wollen und nicht
genügend Höhe erlaubt.
Die Bilder und Eindrücke aus dem Flug begleiten uns beide in den Abend. Die Fernsicht ist
eindrücklich gewesen. Dank Blauthermik haben sich keinerlei Wolken gebildet, welche die
grandiose Sicht behindert hätten. Es war einfach herrlich!
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